Harley-Davidson Sportster XL 1200 Seventy-Two
 
Übergroße Freude, Suche nach Anerkennung und Beliebtheit, Unsicherheit und auch Beschämung – die Jugendzeit ist mit starken Emotionen behaftet. Und diese sind für den Psychologen McAndrew der Grund, warum wir uns so sehr an Ereignisse aus dieser Zeit erinnern, denn Emotionen signalisierten dem Gehirn, dass wichtige Dinge geschehen. Zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr gebe es eine regelrechte Erinnerungsspitze, deshalb blieben uns Ereignisse aus dieser Zeitspanne am stärksten im Gedächtnis, so der Wissenschaftler.

Mit der 72 versprühte man im Jahre 2012 im Hause Harley-Davidson den Geist der 70er Jahre Chopper. 7,9 Liter Tank, Weißwandreifen, Solositz und breiter hoher Lenker sorgten für die klassische Easy Rider Linie. Der rote, flockige Glitterlack mit den „Hard Candy Big Red Flakes“ funkelte Diamanten gleich in strahlender Sonne. Das passte hervorragend in die dank globaler Erwärmung zunehmend kalifornischer wirkenden Gefilde Deutschlands. Der Chopperboom hatte mal wieder einen Zenit, als würden alle in den 50er und 60er Jahren Geborenen noch einmal die alten Fummel raussuchen und auf einer schicken zweirädrigen Zeitmaschine Richtung Sonne und Jugendzeit rauschen.

Der luftgekühlte 1200 cm³ Evolution Sportster Motor bringt es auf 67 PS und fällt somit auch leistungsmäßig in die 70er Jahre, abgesehen von der Haltbarkeit und dem üppigen Drehmoment von 98 Newtonmetern. Flugs werden die 5 Gänge hochgeschaltet und dann heißt es Cruising mit 253 kg Leergewicht bis zur nächsten Tanke. Die wird spätestens nach 120 Kilometern aufgesucht.

Mit den 70er Jahren verbindet Anja Wellershaus viele schöne Erinnerungen, sie mochte das Teil auf Anhieb. Allerdings war ihr der Bock zu geschniegelt und ihr fehlte es an Fransenlook und Hippie Style. Von der Sportster 48 kommend, erlebt sie Komfort, Federung und Fahrwerk als luxuriös. Eigentlich federt die 72 aber kaum merklich. Das mit 21 Zoll recht große Vorderrad rollt dennoch Enduro gleich durch die Schlaglöcher der Region.

Als Erstes fielen Anja die roten Glittergriffe auf einem Teilemarkt auf. Sie wurden flugs gekauft und bildeten die farbliche Basis für die optische Umgestaltung des Fahrzeugs. Nach vielen Stunden Recherche im Internet war die Idee für eine neue Lackierung gefunden. Und die hat es in sich. Nach den Wünschen von Anja fertigte Ingo Kruse, seit über 40 Jahren True Custom Painter, eine äußerst aufwendige und inhaltsschwere Lackierung an, die den Geist der 70er zurück auf die Straße bringt. Das Fahrzeug wurde zum Lindwurm, einem edlen Wappentier aus dem 9. Jahrhundert. Der ungeflügelte Drache verbrachte seine Zeit schlangengleich an einer Linde. Zumindest wenn man dem Rolandslied aus dem Jahr 1075 Glauben schenkt.

Die Lackierung hat, wie fast alles im Leben, zwei Seiten. Eine, die Sonne warm und fröhlich reflektierende äußere linke Fahrzeugseite und eine dunklere, nach innen gekehrte, das Licht absorbierende rechte Fahrzeugseite. Auf der Tankoberseite sind die zwei Seiten des Lindwurms am deutlichsten gleichzeitig auszumachen. Die Köpfe der in sich selbst verschlungenen Körper der Lindwürmer sind durch einen Ring auf ewig verbunden. Die Schnittstelle äußeren und inneren Seins. Die linke Seite steht für das immer sichtbare, äußere Sein. Die Schuppenhaut ist Schutz und schmückende Schönheit zugleich. Die golden-orangenen, warmen Töne wirken freundlich, fröhlich und offenherzig. Auf der rechten Seite scheinen die schützenden Schuppen entfernt. Eine verletzliche, blau-rote Hautschicht, purpur, geheimnisvoll und mystisch, dominiert die rechte Flanke der Sportster. Ergänzt von tieferen Schichten des Körpers, mit roten, in der Tiefe glänzenden Adern durchzogen. Erst wenn die Sonne auf die vielen Schichten scheint, wird ihre ganze Tiefe deutlich, beginnt das Blut zu pulsieren, schimmern die Schuppen wie kostbares Gold. Auch die eingearbeiteten Flakes entfalten im grellen Sonnenlicht ihre Strahlkraft, als käme der reptiliengleiche Wurm jetzt auf Betriebstemperatur.

Die erste bauliche Veränderung erfuhr der Lenker. Der originale Apehanger wurde gegen einen typischen Chopperlenker der 70er Jahre getauscht. Von ROCKET INC. als Ram Rabbit im Handel erhältlich. Die zuvor erwähnten roten Griffe mit eingearbeiteten Flakes und Messingabschlüssen sorgen für den nötigen Halt. Nicht zu übersehen sind die Lederhüllen mit langen Fransen an Brems- und Kupplungshebel, die je nach Fahrt und Bewegung frei und leicht schwingen. Ähnlich wie lange Haare, wallende Tücher und Dreadlocks der politisch links-gerichteten Jugendlichen sind die langen Fransen Symbol der Freiheit, das Gegenteil einer spießigen und penibel geordneten Welt der 60er und 70er Jahre. Weiterhin wurden ein Küryakyn Mach 2 Co-Ax Luftfilter und eine Dr. Jekill & Mr. Hyde Auspuffanlage mit Lautstärkeregelung von MSG Motorrad verbaut und gleich auf dem Dynojet Prüfstand mit dem passenden Mapping versehen. Mehr als 10 PS und eine bessere Laufkultur sind das freudige Ergebnis.

Dimitrios Georgoulas von Spirit Leather sorgte für die passende Sitzbank im King & Queen Style. Die stark abgestuften Sitzbänke bieten der Königin einen erhöhten Platz hinter dem Fahrer, sie thront förmlich hinter dem König. Da Frauen meist etwas kleiner sind als ihr männliches Pendant, sind ihre Köpfe auf einer Linie, gleichberechtigte Sitzhöhe sozusagen. In unserem Fall kommt die Queen aber vorn zu sitzen, der King Stefan hat ein eigenes Schlachtross. Er spendierte seiner Queen Ventilkappen aus Sterling Silber. Der Sitz ist bequem, Anja schwärmt davon, dass auch 400 Kilometer lange Tagestouren nicht zur Tortur werden. Die Flanken des Sitzes sind aus braunem Glattleder, die Sitzfläche aus aufgerautem Leder sorgt zusammen mit der Sitzbankstufe für optimalen Halt. Die Sitzflächen werden optisch durch ein aufgebogenes, breites Messingarmband getrennt.

Stefan ist auch Fan von den Spirit Leather Produkten.

Bei der Sportster Seventy-Two hat man im Hause Harley-Davidson nicht an verchromten Flächen gespart. Nun ist Anja kein wirklicher Fan von verchromten Fahrzeugteilen, sie bevorzugt wärmere, natürlichere, metallene Töne. So kam der gelernten Zahntechnikerin die Idee, einige Oberflächen zu gravieren. Über 100 Stunden verbrachte sie nach Feierabend in ihrem, zusammen mit Klaus Kosakowski betriebenen Dentallabor K2 Dental GmbH, um die glänzenden Flächen mit Ornamenten zu verzieren. Die ersten Stunden widmete sie ausschließlich der Übung, denn es ist nicht leicht, tief zu gravieren und dann noch saubere Rundungen zu erhalten. Bis heute wurden die Abschlüsse der Endtöpfe, die Fender Struts, die Keilriemenscheibe und die Luftfilterabdeckung graviert. Der Tankdeckel aus Messing erhielt eine Lotusblume, die im hinduistischen für Schönheit, Fruchtbarkeit, Erfolg, Spiritualität und Ewigkeit steht, was hervorragend zum Fahrzeug und der Queen auf dem Sitz passt.

Links in der Übersicht:
Fotografie & Text Frank Bick 31.07.2020 http://fotostudio-orsoy.de
Fahrerporträt Anja & Stefan: https://motorradphilosophen.de
Lackierung https://www.kruse-design.de/
Zahntechnik https://www.k2dental.de
Lenker http://dock66.de
Auspuff, Mapping http://msgmotorrad.de
Sitzbank http://spirit-leather.de