Glemseck 101 Reload 22
Glemseck 101 Reload 22
Freitag, 02. September 2022 Frank Bick
In den letzten Jahren war ich kaum auf Motorradtreffen. Viele fanden ja auch nicht wirklich statt. In diesen zwei Jahren wurde mir bewusst, dass ich sie nicht wirklich vermisst habe. Ob es an mir liegt, am Alter oder daran, dass viel Zeit zum Nachdenken über das Wesentliche die letzten Jahre bestimmte. Nun sollte es per Zufall zu einem Treffen in diesem Jahr kommen, da die Jungs von Enfield Duisburg einen wirklich schicken und perfekt abgestimmten Caferacer gebaut hatten, über den ich auch hier im Blog berichte (siehe Link). Der sollte eigentlich zum 1/8 Meile Rennen antreten, aber Royal Enfield, die zum Bau aufgefordert hatten, mussten den Start absagen, es fanden sich keine weiteren Gegner aus dem Hause Royal Enfield. Man zeigte daher nur ein paar Custombikes und ließ gelegentlich eines der Motorräder unruhig und belanglos laut knattern. Brumm. Brumm. Ganz anders bei Triumph. Die hatten neben Rennteilnahmen auch den weitaus beachtenswerteren Stand. Genau wie die nicht nur hier dominanten Personen allerlei Geschlechts von BMW und andere. Der Bikertreff Glemseck ist ein Hotel an der ehemaligen Solitude-Rennstrecke in Leonberg bei Stuttgart. Zwei sich zum T kreuzende Straßenzüge werden gesperrt. Die Quadranten rund herum dienen als Park- und Campingplätze. Entlang dieser Straßenzüge kommen tausende Motorräder zu stehen und Meile für Meile unzählige Fressbuden, Bierstände sowie Zubehörhändler und Motorradhändler, Markenvertretungen, Tuner. Im Großen und Ganzen geht es bei der Veranstaltung zu wie beim Oktoberfest, mit einer einzigen großen Ausnahme. Die Motorradfahrer dürfen ausnahmslos durch die Menge tuckern, mit Helm, ohne Helm, mit TÜV oder ohne. Davon machen vor allem die Extrovertierten, tätowiert oder verkleidet oder beides, redlich Gebrauch und bollern, knattern, scheppern und brüllen lautstark durch die Mengen und lassen sich begaffen, bestaunen, beklatschen und feiern. Umso lauter desto besser. Empfindlichen Seelen und Gottesgläubigen kann nur empfohlen werden, Ohrstöpsel zu tragen, am besten auch über Nacht, denn da wird weiter gefahren und es rattern unzählige Dieselgeneratoren des THW und der Camper. Im ersten Fall für die Beleuchtung, im zweiten für die Kühlboxen. Wer zum Motorradgottesdienst fit sein will, benötigt ruhigen Schlaf. Das Grundnahrungsmittel Bier wird hier zu abertausenden Litern vernichtet, kostet gern mal fünf Euro und mehr. Da wundert es auch nicht, dass wohl mehr als 100 mobile Toilettenkabinen die Straßen säumen, würden die feiernden Personen allesamt in die Büsche pinkeln, wäre das Tal schnell auf Jahre kontaminiert. Inmitten der Händlermeile wird ein Bühnenprogramm mir rockiger Musik bis tief in die Nacht geboten. Tagsüber werden auch Fahrzeuge präsentiert und andere Akteure auf die Bühne gejagt. Alles in allem ein Bikertreffen wie jedes andere, durchkommerzialisiert wie das Publikum es gern hat. Saufen und kaufen. Die drei Tage andauernde, immer lange Schlange vor dem T-Shirt Druck- und Verkaufsstand des Glemseck 101 Teams bezeugt den Stolz der Teilnehmer, hier gewesen zu sein. Ich habe die 440 Kilometer lange Anreise mit meinem Transit Connect und der kleinen Brixton 125 auf der Ladefläche und den nie enden wollenden Stau vor Stuttgart in erster Linie in Kauf genommen, um die Rennen zu sehen. 150 Euro Spritkosten. Pünktlich um 13 Uhr eröffnet Josefa Schmid, die hübsche Bürgermeisterin der Stadt Leonberg, mit lobenden Worten die Wettfahrt, betont die Bedeutung für die Region und berichtet, dass sie es als Ehre sieht, die Startflagge des ersten Rennens zu schwenken. Kaum schwenkt sie gekonnt die Flagge, rauschen lautlos aber deutlich sichtbar sehr schnell fahrende E-Motorräder vorbei. Für uns Betrachter auf der Bühne bedeutet das fünf Sekunden bis auf ein Pfeifen lautloser Spaß, das war es. Der mit wenig Empathie für die Motorradszene ausgestattete Ansager, toppte die unspektakuläre Darbietung dazu durch andauerndes belangloses Werbegeschnatter. In den Reihen wurde trotz oder vielleicht weil zweiminütiger Aufforderung wenig geklatscht, es wurden in den kommenden 30 Minuten die Rufe nach dem Tausch des Mannes am Mikro lauter und lauter. Die E-Motorräder sind der Beweis dafür, das es bei 1/8 Meile Beschleunigungstechen um alles geht, aber niemals Technik. Wir wurden damit als erste Menschen in Europa Zeuge einer Veranstaltung, die die Zukunft des Motorsports präsentiert. Dennoch war niemand stolz, sondern alle gelangweilt. Wir wollen alte Zweiaktroller sehen, oder umgebaute 1000er Kawas, besetzt mit wilden Haudegen in bekloppten Kostümen. Wer gewinnt, ist völlig egal, Hauptsache es fliegen ein paar Teile weg und es scheppert und qualmt herzergreifend. Zu allem Überfluss war man angesichts des Drehmoments auch nicht in der Lage, die Burnerplatten zum Anwärmen der Reifen vernünftig zu montieren. So fuhr ein Gabelstapler mit Mechaniker zu Beginn öfter hin und her als die Elektroflitzer. Nachdem das erste Elektrorennen auf der 1/8 Meile zu Ende kam, wurden langatmig BMW R 1800 Boxer vorgestellt. Überhaupt ist die ganze Ansagegeschichte eine einzige Werbekampagne, diese Rennen damit auch. Ein Kerl mit grün lackiertem Chopperstyle und Apehanger rauschte vorbei wie der Easyrider aus Bayern. Und nach ein paar Durchgängen fing es an zu tröpfeln. All die drückende Langeweile und Hitze entlud sich in heftigen Sommergewittern, tausende Besucher flüchteten unter Stände oder gleich auf die Moppeds oder Autos und nach Hause. Ich war klitschnass, mein Smartphone geschrottet und setzte mich in Unterhose ins Auto. Ab in den Stau von Stuttgart. Nach sechs Stunden und einigen Staus in heftigsten Gewittern im Siebengebirge war ich wieder am Niederrhein. Mein Fazit. Einmal sollte man auch von weiter weg anreisen, um es erlebt zu haben. Oder wenn man in der Nähe wohnt, kann man mit dem Mopped hinfahren wie zum sonntäglichen Treff. Es ist ein Spektakel wie das Oktoberfest in München, nur anstelle der Fahrgeschäfte gibt es freiwillige Akrobaten und Schauspieler auf zwei Rädern. Und Fotografen. Aber nicht zu knapp.