Auf dem Weg

Frank Hoppe auf dem Jakobsweg vom 01.05.2016. Ich habe meinen Hausstand aufgelöst nachdem die Kinder aus dem Haus waren und mich auf den Weg gemacht 2600 km zu laufen. Über die Erfahrungen und Gedanken auf dieser Reise erzähle ich hier im Blog. Wer Fragen oder Anregungen hat darf mich gern via Facebook kontaktieren.
Und wer mich auf meiner Reise finanziell unterstützen möchte, kann dies gerne tun, unter: Comdirekt:IBAN DE23 2004 1144 0343 4917 00
22. August

Camino PrimitivoNachdem ich heute früh den Eindruck hatte, dass mir jeden Moment ein erfrorener Finger abfällt, wurde es im Laufe des Tages noch so richtig heiß. In den Tälern, in denen die Luft stand, hatte es die Atmosphäre einer finnischen Erdsauna, nicht nur wegen der Hitze, sondern im Besonderen wegen der Kiefernwälder, die dieses wunderbare Aroma abgeben.
Die Etappe wäre anstrengender gewesen, wenn ich sie nicht etwas modifiziert hätte. Von der Herberge aus etwas Straße, dann einen Weg steil runter, wieder steil rauf auf die Straße, über die Straße einen Weg steil rauf, wieder steil runter, über die Straße und sehr steil runter um dann natürlich unglaublich steil wieder rauf zur Straße zu führen. Das habe ich also diese dreimal mitgemacht, danach funktionierte meine App wieder und ich sah, dass sich das Ganze noch bestimmt fünf Mal wiederholen soll.
Als Fußgänger mit spanischen Autofahrern auf einer kurvigen Landstraße ist zwar nicht ganz ungefährlich, aber ersten gibt es ja diesen Erlass von Papst, ich glaube Clemens war es, der besagt, dass Pilger die auf dem Weg nach Santiago de Compostela um Leben kommen, unverzüglich ohne irgendwelche Fegefeuer-Umwege heim ins paradisische Reich kommen. Und zweitens war es mir einfach viel zu blöde dieses unsinnige Auf un Ab in der Hitze. So wurde aus einer als anstrengend Viva Coloniaangekündigte Etappe eine mittelschwere.
Mittendrin, höre ich meine innere Stimme Viva Colonia gröhlen und Zack Ohrwurm, um den weg zu bekommen, habe ich es mal mit, mer losse de Dom in Kölle... versucht, aber so schnell lässt sich er sich nicht austricksen, der Ohrwurm. Ich wusste überhaupt nicht wie dazu gekommen bin. Und dann passiere ich das Ortausgangsschild... Colonia de Aribba. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, die Ortsschilder laut zu lesen, an denen ich vorbeigehe. Au Mann!

In Grado, also vor fünf Tagen gab es eine Französin, ich schätze mal Ende Sechzig die ständig irgendetwas rumzuwuseln hatte. Als sie abends ein Teil des Geschirrs abtrocknete, kam ich dazu um den Rest zu spülen. Als ich einen Teller in den Geschirrkorb stellte, nahm sie ihn und hielt ihn unter den Wasserhahn. Als ich eine saubere Tasse in den Geschirrkorb stellte, nahm sie sie und hielt sie unter den Wasserhahn. Okay, sagte ich, dann mach alleine! No, no! Doch, doch! Am anderen Morgen, Frühstück ab 6.15 h bis 7.30 h ich kam um sieben und war der letzte. Meine Herberge PeñasetaFranzösin kam freudestrahlend auf mich zu und fragte was ich denn essen wolle. Ich nehme mir schon was! Ja aber, Toast Kuchen, Marmelade.... Ich sehe das alles und nehme mir gleich etwas davon!!!! Sie fängt an den Tisch abzuräumen. Ich gehe in die Küche und nehme mir die Dinge die ich haben will auf einen Teller und sage ihr, dass sie den stehen zu lassen hat. Als ich mir Wasser für einen Tee machen wollte, wollte ich mir heißes Wasser aus der Leitung nehmen damit es schneller geht, zumal es eh gekocht wird. Der erste Tropfen kommt aus der Leitung, sie den Wasserhahn auf kalt. Ich entsetzt, drehe ihn wieder auf heiß. Sie no, no! Wasserhahn wieder auf kalt. Ich, auf Deutsch und einem Blick der keine Zweifel aufkommen lässt, WENN DU NOCH EIN MAL DEN WASSERHAHN ANFASST, HACKE ICH DIR DIE FINGER AB!! Sie schob beleidigt ab, weil das schließlich nicht gesund sei. Sie blieb dort noch einen Tag länger, was mich sehr freute, so lief ich nicht Gefahr in der nächsten Herberge wieder auf sie zu stoßen. Ein Kümmersymdrom denke ich mal, was dann heute im Grunde bestätigt wurde. Ja heute! Ich habe schließlich auch zwei Nächte in einer Herberge verbracht. Nette kleine Herberge, außer mir nur eine Person... Oh Mann! Das erste was sie macht, sie drückt mir ein Glas Wasser in die Hand. Ist ja auch nett. Nachdem sie es ca. eine Stunde ausgehalten hat hin und her zu laufen, fragte sie mich, es gibt zwei Schlafecken hier in der Herberge, ob ich einen Kaffee will. Nein, aber gerne Wasser für Tee. Oh, es gibt keinen Tee. Ich habe Tee, möchtest Du auch einen Tee?
Wir trinken Tee, und sprechen von ihren vier und meinen fünf Kindern, eins ihrer Enkel hat Asthma. Über deutsche und französische Großstädte und den Nationalitäten auf dem Camino. Wir gehen zusammen zur Kneipe Abendessen und teilen uns die kleine Rechnung. Sie ist Hausfrau und kümmert sich. Sie möchte auflegen, nein danke ich nehme mir gerne selbst. Ich lasse den Rest Tortilla fürs Frühstück einpacken. Sie findet das eine gute Idee und deckt schon Mal den Tisch, bereitet das Wasser vor. Und wenn wir dann morgen noch gemeinsam gefrühstückt haben, müssen wir aber auch sehen, dass wir Abstand zueinander finden.

23. August

Während des Frühstücks erzählte mir Juliene, dass sie von einer amerikanischen Koreanerin, die hier auf dem Camino umgebracht wurde gehört hat. Und als die Polizei den Täter gefasst hatte, haben sie mehrere Leichen gefunden. Sie hätte schon ein komisches Gefühl. Ne, ne, ne! Das kommt aber gar nicht in Frage! Gerne mache ich mir Vorwürfe und gerne darf sie mir ein oder zweimal im Schlaf erscheinen. Soweit kommt es noch!

Es waren heute über tausend Höhenmeter, einmal sechshundert am Stück auf acht Kilometer, Camino Primitivo zweimal hundertfünfzig und noch ein paar kleine. Die ersten acht Kilometer, direkt am Morgen verliefen zum Teil in Wald, an Bächen, auf schönen Wegen und waren noch angenehm zu gehen. Bei den nachfolgenden Steigungen, in der Mittagssonne, habe ich gedacht ich schmeiß mich weg. Alle Hinweise lauteten, sich für zwei Tage zu bevorraten, da es auf die nächsten zwei Etappen, keine Einkaufsmöglichkeiten gibt. Heißt, zweimal Abend, zweimal Frühstück und Snacks für Mittags. Also noch mal ein paar Kilos extra, weil viele Herbergen nur über Mikrowelle verfügen, gehen auch keine Tütensuppen.

Ich nehme alles zurück was ich über den Weg gesagt habe. Fast alles! Manches! Wie dem auch sei, ich habe gerade die zweite Steigung hinter mir, wobei die Abstiege auch nicht zu unterschätzen sind, da möchte ich zwingend eine Cola! Meine innere Stimme sagt, 15 km bis zur ersten Bar, also noch sechs cirka.
Du hast damals doch auch Wasser in Wein und so, kannst nicht auch Cola?Fata Morgana
Und was willst du mit lauwarmer Cola?
Pfff! Ich wünsche mir jetzt offiziell eine kalte Cola, Coca Cola!
Der Weg traf nach langer Zeit wieder auf die Straße und ich dachte ich hätte ne Fata Morgana. Steht da ein junger Mann mit Lieferwagen, in dem sich kleine Kühlschränke befinden, zwei Tische mit Stühlen und Sonnenschirmen, standen daneben. Noch Fragen? Nenne es Wunder oder Zufall... Obwohl, etwas kälter hätte sie sein dürfen.

Die erste Herberge habe ich heldenhaft rechts liegen gelassen, ich hatte es eh vor, weil ich dann morgen, wieder eine heftige Etappe, fünf Kilometer weniger habe.Wenn ich hier fertig bin, bewerbe ich mich bei den Seals...
Und wer kam mit Wäsche auf dem Arm aus der ersten Herberge? Richtig Juliene! Freundlich gegrüßt und weiter.
Camino PrimitivoAnderthalb Stunden später kam ich in La Mesa an und fand eine kleine, eigentlich ganz nette Herberge vor. Uneigentlich sind alle Außenwände des Schlafsaals verschimmelt. Ich habe mir ein Bett in der Mitte des Raumes genommen und die werde bestimmt in der einen Nacht nicht dran sterben. Ansonsten ist es hier toll ruhig. Ganz anders als in und um der Herberge, an der ich zuletzt vorbei ging.
Es war ein ganz toller Wandertag! Beginnend in engen Tälern mit kleinen Bachläufen, knackige Aufstiege belohnt durch gigantische Ausblicke.

Der Etappenguide meiner Camino-App sagt, steiler Abstieg bis zum Stausee. Wir befinden uns hier auf ungefähr 950 m, direkt hinter der Herberge verläuft der Weg erst mal bergauf bis auf 1.150 m, dann geht es stetig und steil abwärts bis auf 190 m, um dann nach weiteren 600 Höhenmeter, Grandas de Salime zu erreichen.
Tineo NordspanienGestern der Weg von La Espina hier nach Campiello, war wieder einer von den schönen. Es gab wieder einige hundert Höhenmeter zu bewältigen, die aber auf Grund der abwechselnden und zum Teil auch anspruchsvollen Wegführung kaum Aufmerksamkeit fanden. Es ging rauf bis auf 905 m und wieder runter auf 603.
Es erwartete mich ein Dorf, dass aus zwei privat betriebenen Herbergen und einem Großbauern besteht, der die Luft ordentlich ländlich aromatisiert. Wie geschrieben, hatte ich bereits gestern in der Casa Herminina reserviert und bekam für nur zehn Euro ein kleines Einzelzimmer. Unglaublich, für den Preis habe ich an der Küste mal gerade eine öffentliche Herberge bekommen.
Weil ich nun einen Termin einzuhalten habe und die letzten zwei Tage mehr gelaufen bin, als es der errechnete Durchschnitt verlangt, habe ich mich entschlossen hier in dieser Abgeschiedenheit, einen Pausetag einzulegen.
Bisschen Wäsche waschen, mal schön ausschlafen. Das größte Problem, dass bewältigt werden will, ist die Frage Pilgermenue oder nicht. Ich erörtere die Zwickmühle: Das Pilgermenü kostet 10 Euro und ist viel zu viel. Suppe, Eintopf, Fleischgericht (für mich Veg. Großer Salat), Nachtisch, Wein und Wasser. Wenn ich aber auf das Menü verzichte und z. B. nur den Salat nehme und etwas zu trinken, zahle ich 12,00. Ja also, wenn man sich ein Lösungsdefizit schriftlich vor Augen führt... Da bleibt nur das Menü.
Vorgestern hatte ich ein eher typisches Camino-Gespräch gehabt, mit... keine Ahnung, nennen wir sie Ursula. Ursula ist eine 62-jährige Deutsche, die seit etlichen Jahren in London Deutsch unterrichtet und bereits zum wiederholten Mal den Jakobsweg geht. Und da wir zum dritten Mal die Herberge teilten, also eine gewisse Vertraulichkeit da war, kamen wir ins Gespräch und sie fragte mich, warum ich denn den Jakobsweg gehe.
Das ist immer eine Frage, zumal ich den Eindruck habe die Menschen immer zu enttäuschen, wenn ich sage:
Camino Primitivo
- Er bot sich einfach an. Ich musste einfach mal los und dieser Fernwanderweg ist am besten ausgeschildert.
U. Ja, aber du musst doch einen Grund, eine Frage, gehabt haben?
- Klar, meine Kinder, die ich die letzten 15 Jahre allein großgezogen habe, waren aus dem Haus, und es war mal an der Zeit etwas entschieden anderes zu machen.
U. Und hast du in der ganzen Zeit noch keine Veränderungen verspürt, ist dir noch nichts besonderes wiederfahren?
- Doch natürlich, aber es hat nichts mit dem Camino tun. Es hat etwas mit meiner Offenheit, mit meinem Weg, aber nichts mit diesem Weg zu tun.
U. Ich habe Menschen kennengelernt, die sind mit schwierigen Fragen den Jakobsweg gegangen und sind ganz andere Menschen geworden, vieles hat sich zum Positiven gewandelt.
- Das glaube ich dir. Nur es ist aus meiner Sicht nicht der, dieser Weg, sondern es die Offenheit mitCamino Primitivo der sich die Menschen auf den Weg machen. Wenn ich in einer Lebenskrise wirklich glaube, dass mir etwas helfen kann, ist ein wesentlicher Schritt bereits getan. Und da ist es meiner Meinung nach völlig egal, ob ich mich in eine Kirche setze, an das Grab meines Vaters, an einen alten Baum oder mich auf irgendeinen Weg mache. Allein dadurch, dass ich meine Situation formuliere und um Veränderungen bitte und daran glaube, öffne ich mich für Dinge, die ich vorher gar nicht beachtet hätte.
U. Ja aber die besonderen helfenden Begegnungen. Wir (sie ist mit einer Freundin unterwegs) fragen uns abends immer welche Engel und heute wieder begegnet sind.
- Ja, toll oder, wenn du irgendwo stehst, nicht mehr weiter weißt und in dem Moment hält ein Passant und sagt, Camino de Santiago? da lang! Super! Ist mir auch schon einige Male passiert.
U. Und das ist doch was besonderes!
- Weil du hier dafür offener bist. Wie oft passiert es im Alltag, dass dir jemand was aufhebt, hinterher trägt. Wir bedanken uns und haben es zehn Minuten später vergessen. Aber auch im Alltag, macht es der Grad unserer Offenheit aus, wie viel Gutes uns begegnet und wie sehr wir uns darüber freuen können.
Camino PrimitivoIch bin der Überzeugung, dass letztendlich das hilft, wovon wir überzeugt sind, dass es hilft, dass es Wunder wirkt, wenn wir es erwarten.
Für mich war und ist dieser Weg etwas ganz tolles und hat mir tatsächlich viele Erkenntnisse gebracht und zwar weil ich ihn gegangen bin. Der Weg selbst ist für mich kein anderer als alle anderen Wege, manchmal steinig, staubig, matschig, manchmal leicht zu gehe. Manchmal läd er ein sich auszuruhen, ein anderes Mal treibt er dir fast die Tränen in die Augen. Und fast immer wird am Ende die Anstrengung belohnt. Wie das Leben selbst halt!
Und deshalb werde ich auch nie ein Camino-Fan werden. Einer von denen die meinen ihn immer wieder gehen zu müssen. Was ich aber weiß ist, dass mir diese Monate so gut getan haben, dass ich eine mehrmonatige Wanderung, alle zwei bis drei Jahre machen sollte, sofern es mir möglich ist.

So, genug der philosophischen Ergüssse! Zwischenzeitlich habe ich Wäsche gewaschen, den Inhalt des Rucksacks komplett sortiert und festgestellt, dass der lila farbige Hut in meinem Zimmer, von dem Kameruner ist, mit dem ich mir die Fähre am 08. August von Laredo nach Santoña geteilt habe. Selbst das Preisschild ist noch an der gleichen Stelle der Krempe.
18. August

romanischen Kirche Santa EulaliaUpps, da habe ich irgendwie das Höhenprofil der App verschoben. Die etwas über dreihundert Meter von heute, waren zwar auch schon ganz knackig, aber für eine Bergwanderung eher ein Schmunzler.
Nun, dann gehts halt morgen richtig los. Im Café Casino meines Etappenziels, gibt es die besten Carnebocadillios. Fleischbrötchen. Ein Geheimtipp unter spanischen Pilgern. Ich muss unbedingt... Was? Für diese Bocadillos bist du gerne eine halbe Stunde kein Vegetarier. Ich nehme ein Tortillabrötchen und einen schwarzen Tee, nach dem Django die Hälfte meines Proviantes gegessen hat. Django? Ich saß auf Django der Streunerder Hälfte des Weges im Laubengang der romanischen Kirche Santa Eulalia, machte Rast und stellte mir vor, wie viele Pilger hier schon gesessen haben um zu rasten, sich vor Regen zu schützen oder sogar im Schutze des Daches übernachtet haben. In dem Moment pünktlich, als Brot und Käse offenlagen, kam ein Streuner um die Ecke, als ich sah, dass er keinerlei aggressives Verhalten an den Tag legte, bot ich ihm etwas Brot an, was er mir vorsichtig aus der Hand nahm und auf den Boden legte. Du willst jetzt aber nicht meinen Käse? Natürlich wollte er meinen Käse. Bekam aber nur eine Scheibe, denn verhungert sah er nun wirklich nicht aus. Danach teilten wir uns noch einen Rest Butterkuchen, den er zu lieben scheint. Immer schön abwechselnd, ein Scheibchen für ihn, ein Scheibchen für mich.
Spanische PilgergemeindeDie spanische Gemeinde hier auf dem Primitivo, ist schon eine andere als das was ich bisher mitbekommen habe. Herzlicher, derber und einlandender wenn man einmal ein paar Worte gewechselt hat. Von links Toni aus Barcelona, Miguel der Hüne, Herkunft mir nicht bekannt, Ernesto aus Barcelona, Joan aus Sevilla und Frank aus Wuppertal.
Nun sitze ich hier in einer wunderschönen und ebenso gut ausgestatteten Herberge in Cornellana. Es handelt sich um eine alte Klosteranlage, die zur Verzweiflung einiger Historiker entgegen aller Versprechungen nicht saniert beziehungsweise zumindestens erhalten wird, sondern dem Verfall überlassen ist. Umso mehr wundert es, dass die Betreiber der Herberge diesem maroden Gemäuer soviel gute Räumlichkeiten und vor allem soviel Trockenheit abringen konnten. Es handelt sich insgesamt um fünf Räume inklusive einer großen Essküche und eines Waschmaschinenraums die untereinander nicht miteinander verbunden sind, sondern alle separate Türen zum großen Innenhof haben.
Jetzt habe ich so einen ganz doofen Ohrwurm. Ich dachte, besser eine Türe zum Hof, als ein Fenster zu Hof. Und da ging das los. Wer hat das noch gesungen? "Sie hat das Fenster zum Hof..." Michael Schanze? ".... wo soll ich für sie singen?" Chris Roberts? "Denn dieser Hof wird Tag und Nacht, vom wütenden Hofhund scharf bewacht!" Oder so ähnlich. Also manchmal ne? Da frage ich mich schon wie meine Festplatte so organisiert ist, Ich schreibe von Türen die zum Hof gehen und Zack denke ich an Fenster zum Hof und Zack, viel schlimmer, habe ich die Melodie eines Schlages von vor über vierzig Jahren im Kopf.
Um 20.00 h haben wir eine Kirchenführung in der maroden Klosterkirche Salvador bekommen. Beeindruckend und erschreckend zugleich. Das Kloster Salvador beherbergte ursprünglich den Reform-Orden Cluny, wurde dann später von den Benediktiner übernommen.
Herbstzeitlose Colchicum autumnaleUnd was hier so schön blüht, sind nicht etwas späte Krokusse, sondern frühe und tödlich gifte Herbstzeitlosen. Ganz ohne Blätter nur Blüten? Die Blätter haben sie im Frühjahr, wenn auch der Bärlauch wächst, das macht sie so gefährlich, wenn man sich entweder nicht genau auskennt oder mal nicht aufpasst.

19. August

Meine Zwillinge Delila und Damian haben heute Geburtstag! Und ich befinde mich auf fast Morgenstimmung in der Sierra de Tineosiebenhundert Meter Höhe. Mit dem anfänglichen Auf-und-Ab waren es dann heute die fast 1.000 Höhenmeter und ich muss sagen, dass es auf dem Weg ganz gut geklappt hat, zumal es noch unglaublich gegossen hat zwischendurch, aber jetzt merke ich doch von den Füßen bis zum Nacken, alles was irgendwie ziehen und sich beschweren kann.
Um kurz vor sieben habe ich gefrühstückt und darauf gewartet, dass es etwas dämmert. Es war Landschaftlich ein sehr schöner Weg, mit alten Abschnitten, die zum Teil über zwei mehr als 300 Jahre alte Steinbrücken führten.
Die Herberge meiner Wahl war für mich voll. Für mich? Das musst du dir vorstellen. Um kurz vor zwei sitze ich vor dieser Herberge, kurze Zeit später kommt ein langhaariger und stellt sich als Dave vor. Wo ich denn losgegangen sei? Ja Frank, wir haben viele Reservierungen und nur noch vier Plätze frei und die möchte ich für Pilger freihalten, die eine länger Strecke gelaufen sind. Mein Englisch ist zu schlecht um ihm klar zu machen, dass ich Pilger kennengelernt habe, die nach dreißig Kilometer fiter sind, als ich jetzt nach achtzehn Kilometer. Hallo? Was ein blöder Oberarsch!
Camino PrimitivoZwei Kilometer weiter, in El Espina, bekomme ich dann ein Bett, dass aber auch wegen Reservierungen das Vorletzte war. Eigentlich, ist es so, dass in Pilgerherbergen nicht reserviert werden darf. Was soll ich hatte ja Glück. Für morgen, 25 km entfernt, habe ich eine Reservierungs-Email geschickt und bereits bestätigt bekommen.
Ich habe im letzten Blog etwas von einem 30 km Aufstieg geschrieben und nach dem ich heute ca. acht Kilometer aufgestiegen bin, weiß gar nicht wie das gehen soll. Ich werde das jetzt noch mal überprüfen. Ja, also, das steht tatsächlich in der App. "Es geht beträchtlich nach oben, einmal über 30 km bis zum... Da ich dieses "bis zum" aber bereits gegangen bin, kann es sich nur um einen Druckfehler handeln. Obwohl mit den acht Kilometer heute habe ich 500 Höhenmeter gemacht, wären 30 km ungefähr 2.000 Höhenmeter, also doch nicht so unrealistisch wie es sich anhört.
Die Nacht war okay, allerdings wieder früh zu Ende. Der Wecker der Italiener piepte um 5.30 h. Dieses Mal war ich richtig wach und im Nebenraum, schnarchte es noch ganz furchtbar, sodass ich mich auch einfach mal fertig gemacht habe. Um sage und schreibe 7.00 h war ich auf der Piste. Es dämmerte so eben, ich frage mich, wie die die eine Stunde eher gegangen sind überhaupt einen Pfeil sehen konnten.
Erstmalig hatte "Im Frühtau Zu Berge" eine gewisse Realitätsnähe. Wenn ich das um zehn geträllert Camino Primitivohabe, kam es mir immer irgendwie falsch vor. Der Camino verlief vorwiegend über kleine, zum Teil sehr alte Wege und Pfade, sodass sich gut vorzustellen war, wie hier vor 1.100 Jahren König Alfonso II. von Austurien unterwegs war. Bis auf eine kleine Steigung schlängelte er sich fast ebenerdig durch die vorhanden Täler.
Bereits um zehn Uhr war ich in Gardo. Die Herberge öffnet Mittags um eins. In der Stadt war großer Markt und es gab wieder viel zu sehen.
Aus gegebenen Anlass möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich mit keinem Wort gesagt habe , dass Pater Ernesto aus Güemes ein Sektenführer ist. Ich habe geschrieben, bzw. wollte zum Ausdrucken bringen, wie schnell ein Guru, ein Sektenführer von unreifen Menschen gemacht wird. Pater Ernesto, der zuletzt katholischer Gemeindepfarrer war, liegt mit Sicherheit nichts ferner als eine Sekte zu gründen. Spendenüberschüsse fließen, wenn ich es mit meinem Basisenglisch richtig verstanden habe, in Wasserprojekte in Südamerika und Afrika. Sooo!

Wochenmarkt in Gardo Die Herberge hier in Gardo ist gerade mal zwei Monate alt. Leider immer noch engestellte acht Etagenbetten, sprich sechzehn Plätze, die um 14.00 vergebens waren und Pilger wieder gegeschickt wurden. Ansonsten tolle Räume. Heidi, die Deutsch, Englisch und Spanisch sprechende Hauptverantwortliche aus Norwegen, hat Hilfe von Rowan und Margarete. Rowan ist in Südafrika geboren und lebt mit seiner Frau Margarete in Australien. Beide sind zum vierten Mal in Spanien, sind drei Mal den Camino Francés gelaufen, verbringen jetzt sechs Wochen in Spanien und helfen davon zwei Wochen als Hospilieros aus, um danach weiter nach Santiago de Compostela zu laufen.
Von 17 bis 18 Uhr ist Happy Hour. Es stehen Kekse, Chips und Nüsse, neben Kaffee und Tee auf dem Tisch und alle sind eingeladen sich kennenzulernen. Auch mal nett!
Habe ich mich im Übrigen bereits über Schachtelhalm, auch sogenanntes Zinnkraut ausgelassen?
Es gehört zu den wenigen Arten, deren Genstruktur sich Millonen von Jahren nicht verändert hat. Schachtelhalm Equisetum arvenseSo wie der Schachtelhalm heute aussieht, so sah er bereits vor 400 Millionen Jahren aus nur zehn Mal so groß, soll heißen: Heute so zwischen 70 und 100 cm groß, damals bis zu zehn Meter. Er hat von damals eine Verwandte aus dem Tierreich, die Vogelspinne, deren Unterschied zu vor 400 Millionen Jahren ebenfalls nur die Größe ausmacht. Heute 7 bis 10 cm, damals ein Meter. Da hat so mancher Saurier das Grausen bekommen.
Zinnkraut deshalb, weil man damit auch seine angelaufene Zinnbecher und andere Dinge aus Zinn polieren kann.

Für morgen ist bei mir noch eine weitere kurze Etappe geplant, sodass sich die Herbergsengpässe etwas entzerrt haben dürften. Abgesehen davon habe ich morgen neben den ersten, direkt an der Haustüre beginnenden 300 Höhenmeter, meine ersten 600 Höhenmeter am Stück. Zuzüglich ein paar unwesentlichen Steigungen werden das morgen 1.000 Höhenmeter, da muss man es nun nicht übertreiben.
Das Nachbarbett ist übrigens leer geblieben. Ich Glückspilz!
Heute Nacht hat es dann mal ordentlich gewittert und bis sieben geregnet. Um neun war bewölktes Waschküchen Wetter angesagt. Der Weg ist nicht weiter erwähnenswert. Unterkünfte sind nach wie vor Glücksache, sodass ich mich entschieden habe, mit der nächsten Möglichkeit nach Oviedo zu fahren, um dort dann den Primitivo zu begehen. Es ist mir mittlerweile auch zuviel. Zuviel Alte Esskastanie gesehen in VillahormesRadfahrer, zuviel Jogger, zuviel Surfer. Ich habe den Vergleich schon mal bemüht, es geht hier auf den Wegen teilweise zu wie auf der Cranger Kirmes. Ich habe es mir schon etwas ruhiger vorgestellt. In Nuvea dann, einem sehr hübschen kleinen Ort, mit gewisser Strandentfernung, gab es einen Bahnhof und tatsächlich sollte um 14.44 h ein Zug nach Oviedo fahren. Ich aß ein Döschen Reissalat mit Brot und wartete. Und wartete. Und w....
Ich sah nochmals auf den Plan. Dieser Zug fährt von lunes bis viernes, also Montag bis Freitag. Und heute ist Montag... Ich schaute in meinem schlauen Führer rein und durfte feststellen, dass heute Santiago Tag ist. Also eher Domingo, Sonntag.
Ich dachte vorher bereits, dass es besser wäre hier zu bleiben und morgen den ersten Zug zu nehmen und direkt weiter zu wandern, zumal der Pilgerweg direkt am Bahnhof vorbeigeht, ich zur Pilgerherberge aber durch die komplette Innenstadt einer 250.000 Einwohnerstadt muss. Okay, Entscheidung abgenommen. Jetzt Bett finden. Ein Hotel bietet ähnlich wie das gestrige in einem Nebengebäude Pilgerzimmer an, für 15,00 Euro. Ausgebucht, ich könnte höchstens eins für 40,00 Euro bekommen. In Frankreich hätte ich mich drüber noch gefreut, heute ein No Go. Ein älteres Ehepaar, hat die erste Etage in Gästezimmer umgewandelt. Ich fand das Ehepaar und es war auch noch etwas frei. Der Mann zeigte mir das Zimmer, ein Zimmer mit Doppelbett. Äh, wie teuer ist es? Ich glaubte zunächst, mein spanisch hätte mich verlassen, aber er hat tatsächlich 12,50 Euro gesagt, ich hätte ihn küssen können. Boah, was habe ich ein Glück!
Heute Mittag bereits, bin ich mit meiner geöffneten Wasserflasche in ein großes Restaurant gegangen und habe um etwas frisches Wasser gebeten, wie ich es jeden Tag mache und die Flasche wird auch immer bereitwillig aufgefüllt. Heute bekam ich eine frische Originalflasche aus der Kühlung. Fand ich ganz toll! Es geht dabei nicht um die 40 Cent, die die Flasche kostet, sondern um Geste. Es lässt mich dann etwas beschwingter weitergehen.
Jetzt ist es 17.00 h, ich liege in meinem 12,50 Einzelzimmer und werde noch ein bisschen spanischKapelle Cristo de Camino in der Nähe von Llanes Babbeln. Bin gerade in der Lektion, in der es ums Essen geht. Me gusta la paella. Mir schmeckt die Paella.
So, dann will ich mal sehen, ob mich der Zug morgen früh pünktlich zum Startpunkt des Camino Primitivo bringt und was die ersten Kilometer so zeigen. In jedem Falle weniger Surfer! Weniger Badeurlauber! Und alles Andere wird auch hoffentlich etwas weniger sein. Ich freue mich drauf!
Ach ja, ich habe gestern von einem eintägigen Aufstieg geschrieben, heute habe ich gelesen, dass es den wohl gibt und einen 30-Kilometer Nonstop-Aufstieg gibt es auch. Da bin ich jetzt aber sehr gespannt!